Dienstag, 3. August 2010

Vorsicht Feedback!

Die Worte Feedback und Folterkammer fangen interessanterweise beide mit dem Buchstaben F an. Wir wachsen damit auf, dass Fehler machen (schon wieder mit F - ferflixt!) nicht in Ordnung ist und stets unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Je nach Erziehungsstil unserer Eltern, Lehrer und sonstiger Autoritätspersonen ist da in unserer Gesellschaft alles vertreten von satten Ohrfeigen über Liebesentzug bis hin zu staubigen Spinnweben in den Haaren nach drei Wochen Hausarrest.

Kein Wunder also, dass es den meisten von uns erst einmal die Eingeweide verknotet, wenn jemand zu uns sagt: "Du, ich hätte da übrigens noch Feedback für dich...."

Nach solch einem eigentlich neutralen Satz geht es bei mir meistens dann erst mal ab ins Gruselkabinett der Möglichkeiten. Uh, was könnte es sein? Ich rattere alle Situationen nach möglichen Fehlern, Patzern, Versäumnissen, falschen Worten und Taten durch - die schlimmsten Vorahnungen beginnen Gestalt anzunehmen ..... da sagt die Person vielleicht: "Du, deine Mail letzte Woche hat mich total gefreut und deine Worte haben mir echt Klarheit gebracht." - Ächz! - drei Liter Angstschweiß verdunsten im Nu, der vermeintliche Giftpfeil, den meine Box* schon voller Dramatik mit zitternden Händen aus der klaffenden Wunde ziehen wollte, entpuppt sich als Illusionsblase meiner wilden Fantasie.

Ach ja, "positives" Feedback gibt es ja auch noch. Haha.
E R L E I C H T E R U N G!

Aber hey, wie ist es dann mit "negativem" Feedback? Was, wenn wir wirklich etwas übersehen, einen Fehler eingebaut, jemanden verletzt haben oder sonst irgendetwas schief gelaufen ist? Wie heißt es doch?

Aus Fehlern wird man klug. Wer keine Fehler macht, lernt nichts dazu. Feedback ist Gold.

Bei genauer Betrachtung gibt es weder positives noch negatives Feedback, sondern nur die neutrale Information und Rückmeldung "HAT FUNKTIONIERT - GO! MACH WEITER SO." oder "HAT NICHT FUNKTIONIERT - BEEP! SHIFT! GO! PROBIERE ETWAS ANDERES AUS."

Und noch genauer betrachtet ist Feedback sogar eine Liebeserklärung. Warum sonst würde sich ein anderer Mensch die Mühe machen und das Risiko eingehen, uns Feedback zu geben, wenn nicht aus Liebe?

Solange ich also Feedback für fatal halte und versuche, Fehler zu vermeiden, werde ich starr und steif wie Brokkoli (den ich hier keineswegs diskriminieren möchte - wer weiß, wie lernbereit dieses Gemüse in Wirklichkeit ist?!) und habe keine Entwicklungsmöglichkeit. Geht es dir auch so?

Ist es dann wirklich notwendig, noch an dieser alten Betrachtung oder mentalen Landkarte Feedback = Kritik = (schwerer) Fehler = seelische Folterkammer = ich bin nicht in Ordnung festzuhalten?

Wie wäre es, wenn wir es mit folgender Formel versuchen:
Feedback = Entwicklungsmöglichkeit = Evolution = Liebe


*Box (Bezeichnung für Ego, Psyche, das ganz persönliche Set an Glaubenssätzen, Annahmen, Weltanschauungen usw. - die Verteidigungsstrategie in uns, die Veränderungen um jeden Preis verhindern will, um unser Überleben zu sichern - aber eben nur das Überleben.


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